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Der Inklusionsbegriff

Theoretische Grundlagen und gesellschaftspolitische Implikationen
  • Albert ScherrEmail author
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Zusammenfassung

Ausgehend von der Unterscheidung von Gemeinschaften und Gesellschaften ermöglicht der Inklusionsbegriff eine gesellschaftstheoretisch fundierte Klärung der Frage nach den Bedingungen und Erfordernissen sozialer Integration unter den Bedingungen moderner, funktional differenzierter Gesellschaften. Grundlegend dafür ist die Einsicht, dass moderne Gesellschaften durch heterogene Teilnahmebedingungen von Teilsystemen und Organisationen charakterisiert sowie von sozialstrukturellen Ungleichheiten gekennzeichnet sind. Im Unterschied zum Integrationsbegriff wird damit die Annahme einer gesellschaftseinheitlichen Regulierung der Teilnahme von Individuen durch ein Verständnis eigenständiger und heterogener Inklusions-/Exklusionsordnungen der Teilsysteme ersetzt. Inklusion vollzieht sich auch nicht als umfassende Integration der Individuen, sondern als selektive Inanspruchnahme und Berücksichtigung individueller Fähigkeiten und Leistungen. Vor diesem Hintergrund wird aufgezeigt, dass eine gesellschaftseinheitliche Übereinstimmung in Bezug auf Werte und Normen, Lebensstile, Sitten und Gewohnheiten weder erforderlich, noch gesellschaftsstrukturell verankert und auch nicht anstrebenswert ist. Vielmehr ermöglicht die Struktur moderner Gesellschaften einerseits soziokulturelle Pluralität und eine weitgehende Autonomie der privaten Lebensführung, mutet den Individuen damit andererseits aber den Verzicht auf ein sinnstiftendes gesellschaftseinheitliches Weltbild und die Akzeptanz eines Zusammenlebens unter Bedingungen von Anonymität und Fremdheit zu. Dies hat wiederkehrend zu reaktionären antimodernistischen Gegenbewegungen geführt, die auf eine Gestaltung von Gesellschaften als identitätsstiftende, möglichst homogene Gemeinschaften ausgerichtet waren und sind. Demgegenüber können die Menschen- und Grundrechte als Institutionen verstanden werden, die auf die politische und rechtliche Gewährleistung der soziokulturellen Pluralität und individuellen Autonomie zielen, welche durch die Struktur moderner Gesellschaften ermöglicht, durch strukturelle Zwänge und soziale Ungleichheiten aber auch eingeschränkt werden.

Schlüsselwörter

Integration Inklusionsverhältnisse Funktionale Differenzierung Migration Exklusion Wohlfahrtsstaat 

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologiePädagogische Hochschule FreiburgFreiburgDeutschland

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